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Biologisch-dynamische Gemüsezüchtung– das Beispiel Kultursaat e.V.

Weite Teile der europäischen Bevölkerung lehnen gentechnisch modifizierte Lebensmittel pflanzlichen wie tierischen Ursprungs ab. Das Unbehagen ist begründet in der Unnatürlichkeit der Gentechnik, gegebene natürliche Grenzen zu überwinden, in gesundheitlichen Risiken, in der Profitsucht der Industrie etc. Doch all diese Schreckensszenarien – so realistisch sie auch sein mögen – dürfen uns nicht lähmen und daran hindern, im Hier und Jetzt Konsequenzen zu ziehen.

Denn Gentechnik ist nur ein besonders eindrücklicher, prominenter Auswuchs der modernen naturwissenschaftlichen For-schung. Pflanzenzüchtung allgemein wurde im Laufe der letzten 100 Jahre immer mehr zur Fachwis-senschaft entwickelt. Sie ist für große Teile der Landwirte nicht mehr überschaubar. Verbreitete Ver-fahren der Pflanzenzüchtung können außerhalb von Expertenkreisen kaum noch nachvollzogen wer-den. Das Ergebnis dieser immer mehr von Acker und Gewächshaus ins Labor verlagerten Züchtungsarbeit bringt neue Sorten hervor. Dieser so genannte Züchtungsfortschritt wird von konventionell und ökologisch wirtschaftenden Bauern und Gärtnern gern aufgegriffen. Durch die EG Verordnung 1452/2003 ist für die Biobauern geregelt, dass sie ökologisch vermehrtes Saatgut verwenden müssen. Es gibt keine Ausnahmen mehr für den Einsatz konventionellen Saatguts, solange nachweislich eine ökologisch vermehrte Sorte zur Verfügung steht. Durch diese gesetzliche Vorgabe müssen Landwirte bei Verwendung konventionellen Saatguts nachweisen, dass sie sich um Öko-Saatgut bemüht haben, es aber nicht verfügbar war.
Noch bevor dieser Gesetzestext entstand und die konventionellen Saatgut-Unternehmen sich offiziell für den Öko-Sektor interessierten, gründete sich der Initiativkreis für Gemüsesaatgut aus biologisch-dynamischem Anbau. Der Kreis war von Anfang an offen für Menschen aus der gesamten Bewegung des Ökolandbaus, nicht nur für biologisch-dynamisch arbeitende. Hier lebt damals wie heute die Ü-berzeugung, dass die Arbeit am Saatgut integraler Bestandteil der ökologischen Wirtschaftsweise ist.
Initiativkreis

Bewährtes und Zukünftiges vom gemeinnützigen Verein

Aus diesem Impuls heraus haben Gärtner und Landwirte, denen der Fortbestand der Sortenvielfalt wichtig war, bewährte Gemüsesorten durch Nachbau und eigene Zucht erhalten. Besonders sozio-ökonomische Aspekte – allen voran die Entkoppelung von Sorteneigentum und Saatgut-Verkauf – mündeten 1994 in der Gründung des gemeinnützigen Vereins Kultursaat e.V., unter dessen Dach die biologisch-dynamische Gemüsezüchtung organisiert ist. Die Züchtung findet on-farm statt, also eingebettet in die landwirtschaftlichen und gärtnerischen Betriebe. Auf diese Weise bleiben die Sorten im naturgegebenen Strom von Keimen, Wachsen, Fruchten und Vergehen. Das ist eine günstige Voraussetzung dafür, dass sich die Pflanzen mit den sich ändernden Lebensbedingungen auseinander-setzen und diese verinnerlichen können. Prinzipiell eignen sich für solch ein Vorgehen ausschließlich samenfeste Sorten. Ihr Nachbau führt - im Gegensatz zu Hybriden - zu Samen, die wieder der Sorte entsprechen.
Ausgehend von der Kombination Erwerbsanbau und Erhaltungszucht in einem biologisch-dynamischen Betrieb ist auch Neuzüchtung eines der erklärten Ziele von Kultursaat e.V. Die Methode der ersten Wahl ist die „positive Massenauslese“. Dabei werden bestimmte Pflanzen aus großen Beständen ausgelesen und weitergezüchtet. So entstand z. B. die Möhrensorte Rodelika - gezüchtet von Dietrich Bauer, Dottenfelderhof. Auswahlkriterien waren harmonische Gestalt der Möhrenpflanze, hohe Süße sowie kräftig-nussiges Aroma. Interessanterweise zeigten sich auch Unterschiede im Gehalt an organischen und mineralischen Bestandteilen der Möhren, ohne dass dies in der Züchtung berücksichtigt worden war. Auch spontan erscheinende „Abweicher“ in einem großen und ansonsten einheitlichen Bestand können ein interessanter Ausgangspunkt für die Entwicklung neuer Sorten sein. Ein Beispiel dafür ist die von Thomas Heinze aus der (grünen) Pflücksalatsorte Till entwickelte „Neu“-Züchtung eines rotblättrigen Salates, der aus einer einzigen Pflanze entstand, die dem Züchter in einem größeren Bestand aufgefallen war. Saatgut dieser Sorte soll voraussichtlich innerhalb der nächsten Jahre zur Vermarktung kommen. Vor allem bei Selbstbestäubern wie der Tomate wird die Formenvielfalt meist zunächst durch Kombination (Kreuzungen) erhöht und im weiteren Verlauf über Auswahl und Weiterzüchtung von Einzelpflanzen fortentwickelt.

Das Ziel: hohe Nahrungsqualität

Die Selektion (Auswahl) findet innerhalb eines Erwerbsgemüsebestandes statt. Dies ist keineswegs eine nachteilige Einschränkung. Vielmehr können damit Sortenpflege und –Weiterentwicklung wieder in den landwirtschaftlichen Betrieben stattfinden. Die Züchtungsforschung bei Kultursaat will z.B. die Widerstandskraft von Treibhauskopfsalat stärken, ein ausgewogenes Wachstum von Rübe und Blatt bei Roter Bete erreichen sowie eine Tomate oder einen Kohlrabi im Geschmack verbessern. Die Um-setzung der Zuchtziele – insbesondere des harmonischen Geschmacks – ist durch die Verknüpfung von Anbau und Züchtung äußerst praktikabel. Dabei führte nicht allein der Wunsch nach leckeren Lebensmitteln zur Entwicklung der Methode der „Geschmacksauslese“. Intensiver arttypischer Geschmack ist ja das Ergebnis des Zusammenspiels vieler Faktoren wie Wasser- und Nährstoffversorgung, Licht und Wärme. Diese Faktoren beeinflussen die Ausbildung dessen, was an Form, Farbe, Geruch und Geschmack wahrnehmbar wird. Wohlgeschmack ist daher auch ein Ausdruck von Reife. Ziel der biologisch-dynamischen Pflanzenzüchtung sind solche im umfassenden Sinne reifefähige Sorten mit hoher Nahrungsqualität.
In der konventionellen Pflanzenzüchtung werden Pflanzen zunehmend von ihrer natürlichen Umgebung isoliert. Entscheidungen bei der Sortenentwicklung trifft man oft nur im Hinblick auf Einzelaspekte z.B. eine neue Resistenz und auf Basis von Zellhaufen (Kallus) oder DNA-Fragmenten (markergestützte Selektion). Die biologisch-dynamischen Züchter berücksichtigen zwar auch Merkmale der Pflanzen, die wichtig für die Vermarktung sind. Im Gegensatz zur genannten distanziert-technischen Herangehensweise verfolgt jedoch jeder Projektleiter beim Verein Kultursaat einen individuellen Ansatz und versucht, ein inniges, persönliches Verhältnis zur Pflanze zu entwickeln. Die sich daraus ergebenden individuellen Wege der Pflanzenzüchtung gründen auf der Überzeugung, dass der Um-kreis, d. h die geologischen, agrar-biologischem, sozialen bis zu kosmischen Bedingungen mitwirken. So ist es z. B. bedeutsam, ob es Hecken im Umfeld gibt oder nicht und dass die biologisch-dynamischen Präparate angewendet werden. Die bewusste Gestaltung, „wohlwollende“ Einflussnahme auf diesen Umkreis erscheint dann in einem anderen Licht und wird neben zahlreichen anderen Themen beim jährlichen Züchtertreffen im Kreise der Züchter bewegt. Austausch findet darüber hinaus auch in unregelmäßigen Abständen in Arbeitsgruppen und mit den so genannten Paten statt sowie auf den zweimal jährlich organisierten Initiativkreistreffen. Was beim Einzelnen lebt, wird so von der Gruppe wahrgenommen und mitgetragen.
Die Sortenvermarktung wurde so angelegt, dass alle Akteure der Wertschöpfungskette in die Sorten-frage einbezogen sein können: Gärtner, Großhändler, Ladner, Verarbeiter, Kunden sollen am Prozess der Sortenentwicklung beteiligt werden. Zur Zeit ist vielen noch nicht bewusst, dass es von jeder Pflanzenart verschiedene Sorten gibt wie bei der Kartoffel. Ohne dieses Wissen kann aber weder die Sorte als Qualitätsfaktor genutzt werden, noch ein Verständnis für Pflanzenzüchtung generell entstehen. Kultursaat e.V. versucht hier Lösungen für die Zukunft zu entwickeln und (z.B. durch Sortenverkostungen) aufzuklären. Inzwischen sind  36 Neuzüchtungen von Kultursaat beim Bundessortenamt zugelassen, bei 12 Sorten ist der Verein als weiterer (Erhaltungs-)Züchter angemeldet ist. Aktuell stehen 12 Sortenkandidaten in behördlicher Prüfung.
Nähere Informationen über Kultursaat unter www.kultursaat.org

Dipl. Ing. agr. Michael Fleck


aus Ernährungsrundbrief 2-09


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