Zum 20. Todestag von Elisabeth Hälsig
„Ist es nicht erstaunlich, welch lebende Zusammenhänge und praktische Erwägungen sich auftun, wenn bei der Zubereitung der Nahrung nicht nur die bis ins Unübersehbare gehende chemisch-physikalische Betrachtungsweise ins Auge gefasst wird, sondern auch die wachstums- und formbildenden Prozesse der Pflanze?“
Diese Worte Elisabeth Hälsigs (1924-1990) umreißen bereits einen Teil ihrer Arbeit. Die Ernährung von ihrer praktischen Anwendung in der Familie, aber auch im Verständnis der naturwissenschaftlichen und anthroposophischen Hintergründe lag ihr am Herzen. So verband sie das Ausarbeiten von Rezepten und das Halten von Ernährungsvorträgen. Im April unter
dem Sternzeichen Widder (3.4.) geboren, ging sie tatkräftig an die selbst gesetzten Aufgaben. Schon früh legte sie ihre Erfahrungen in der Rezeptsammlung „Vollwert-Kost“ nieder, die 1974 im Selbstverlag erschien. Dieses erste Heft war dem damals noch nicht so bekannten Vollkorngetreide gewidmet. Dabei hatte sie die berufstätigen Menschen im Auge, die trotz wenig Zeit ihre Familie vollwertig ernähren wollten. Dies war sehr weitblickend, denn damals wurden in der Vollwertkost noch ganze Körner eingeweicht, gekocht und nachgequollen, was viel Zeit in Anspruch nahm. Sie verwendetete und propagierte das Thermogetreide (heute Kornfix), das bereits vorbehandelt war und so eine kürzere Kochzeit erforderte. Diese „Schnellkochgetreide“ sind heute mit Bulgur und Couscous Standard, damals noch Neuland. 1981 erschien das 2. Heft der „Vollwert-Kost – für Menschen von heute unter besonderer Beachtung von Vollgetreidespeisen“. Dieses Heft enthielt zahlreiche Gemüsegerichte, wofür sie im Vorwort um Verständnis warb: „Viele werden sich wundern, darin zahlreiche Gemüsegerichte zu finden. Die sinnvolle Ergänzung zu Getreidespeisen ist nun einmal das Gemüse, dessen Zubereitung – vergessen infolge des Lebens aus dem Tiefkühlfach und der Konservendose – erst von vielen wieder erübt werden muss.“ Auch hier ging sie der Vollwertbewegung voran, denn die Bedeutung des Gemüses wurde erst mit der Entdeckung der sekundären Pflanzenstoffe in den neunziger Jahren richtig erkannt. Beim Gemüse ging es ihr um dreierlei:
1. die Verwendung frischer Gemüse,
2. Demeter-Qualität und
3. Bekanntmachen „vergessener“ oder neuer Gemüse.
Den biologisch-dynamischen Anbau unterstützte sie in vieler Hinsicht. In ihrem 2. Heft findet man bei den Gemüsen die damals fast unbekannte Pastinake, ferner Rote Bete, aber auch Broccoli mit dem Hinweis „eine Blumenkohlart“ – vor 30 Jahren war Broccoli tatsächlich in Deutschland kaum verbreitet. Als im November 1986 das 3. Heft ihrer Vollwert-Kost erschien, hatte Elisabeth Hälsig sich ein weiteres Gebiet erarbeitet: die Steigbildmethode. Angeregt durch die Kristallisationsbilder Gerhard Schmidts und Steigbilder im Buch „Ernährungslehre“ von Rudolf Hauschka untersuchte sie Gemüse, fertige Speisen, Zubereitungsverfahren oder Konservierungsmethoden. Immer wieder rang sie um die Reproduzierbarkeit und Interpretation der Bilder. Eine Auswahl ihrer Arbeit – 10 Steigbildserien zu Gemüse und Obst, Roggenschrot und Thermomehl, Vergleich von Einwecken und Tiefkühlen, Säuren und Süßungsmittel – finden sich in dem 3. Heft. Diese Kombination von Forschung und Lebenspraxis war ihr wichtig, denn dadurch konnten auch Verbraucher mehr über die Qualität erfahren. Elisabeth Hälsig war eng mit dem Arbeitskreis für Ernährungsforschung verbunden. Sie kam häufig zu den Mitgliederversammlungen und nahm regelmäßig an dem Seminar zur „Methodik der Ernährungsforschung“ teil, das Gerhard Schmidt anbot. Mit ihm arbeitete sie auch in Kursen zusammen. Im Ernährungsrundbrief veröffentlichte sie verschiedene Artikel z.B. zu der damals sehr aktuellen Thematik „roh oder gekocht“. Es war die Zeit, wo gekochte Kost vielfach als „denaturiert“ angesehen wurde. Von anthroposophischer Seite stand dagegen die Bedeutung der Wärme als Reifungsprozess und gegarte Speisen als Nachreifung der Naturprodukte. Für sie wurde die anthroposophische Ernährungskunde immer wichtiger: "Sie ist eine geistige Antwort auf die rationale technische Denkweise der Neuzeit. Es wird versucht, den Menschen als seelisch-geistiges Wesen in seinem Zusammenhang mit der Welt und dem Kosmos zu begreifen.“
Literatur:
Elisabeth Hälsig Vollwert-Kost – für Menschen von heute unter besonderer Beachtung von Vollgetreidespeisen Heft 1. 23 S. Wiesbaden 1974
Heft 2. 20 S. Wiesbaden 1981
Vollwert-Kost – und ihre lebendige Qualität durch Steigbilder sichtbar gemacht. Heft 3. 87 S. Wiesbaden 1986
aus dem Ernährungsrundbrief 2-2010