Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel im Fokus Die Nachtschattengewächse I
Artikelaktionen

Die Nachtschattengewächse I

Diese botanische Familie mit dem merkwürdig klingenden Namen umfasst zwar nicht viele Nahrungspflanzen, aber die wenigen sind so bedeutsam, dass sie einen großen Anteil unseres Speiseplans einnehmen. Zu manchen Jahreszeiten sind fast alle Gemüse auf unserem Tisch Nachtschattengewächse

TomatenIm einzelnen gehören dazu: Kartoffel, Tomate, Paprika und Aubergine sowie die Gewürze Chillischoten (Cayennepfeffer), Bockshorn- und Schabzigerklee. Immer häufiger findet man auch süße Früchte dieser Familie wie die Physalis, die unserer Lampionblume ähnelt.

Andere Vertreter dieser Pflanzenfamilie, der Solanaceen sind wegen ihrer Giftigkeit und aus der Heilkunde bekannt: Tollkirsche, Bilsenkraut, Tabak und Stechapfel. Einige wurden früher auch zur Erzeugung von Trancezuständen und visionären Erlebnissen verwendet.

Die Bedeutung des Namens «Nachtschatten» ist übrigens nicht ganz geklärt. Er kommt vom germanischen „Naskado“, und soll unter anderem auf die dunkle Blütenfarbe des echten Nachtschattens oder die Giftwirkung «schwarzer Schatten» hindeuten. Wilhelm Pelikan (2000, Heilpflanzenkunde) meint, dass er auf schädliche nächtliche Elementarwesen anspielt. Der Name stammt aus dem Germanischen und bezog sich auf die heimischen Pflanzen wie Tollkirsche, deren geringer Verzehr tatsächlich zum Sehen „psychodelischer Schattenwesen“ führen konnte.

Die Herkunft der essbaren Nachtschattengemüse liegt in Südamerika. Während die Kartoffel aus den Andenländern stammt, wachsen die anderen Pflanzen in tropischen Breiten. Erst zu Beginn der Neuzeit, im 16. Jahrhundert wurden sie von spanischen Eroberern entdeckt und nach Europa gebracht. Die Kartoffel fand schon bald erste Verbreitung in Südeuropa, die Tomate gewann erst im 19. Jahrhundert an Bedeutung; der Paprika zuerst überwiegend im ungarischen Gebiet, heute in vielen Ländern Europas. Die Aubergine ist eines der wenigen essbaren Nachtschattengewächse aus der Alten Welt, dem indischen Raum. Sie gewinnt erst in den letzten Jahren an Bedeutung. Kartoffeln und Tomaten zählen zu den weltweit gehandelten Gemüsearten. Der Verbrauch von Kartoffeln steigt in den Entwicklungsländern noch stark an, während er in Europa zurückgeht. So ist China zur Zeit der größte Kartoffelproduzent der Welt. Tomaten werden überall in zunehmendem Maße verzehrt. Von etwa 90 kg pro Kopf verzehrtem Gemüse in Deutschland im Jahr 2000 lagen Tomaten mit fast 20 kg an erster Stelle. Davon wurden 11 kg verarbeitet (Ketschup, Tomatenmark, Tomaten in Dosen etc.) und 9 kg roh verzehrt.

Wie ist das Phänomen zu erklären, dass eine Gruppe von Pflanzen sich in den letzten drei Jahrhunderten so in den Vordergrund der menschlichen Ernährung schiebt und die bisher gebräuchlichen Nahrungsmittel sogar verdrängt?

Die Kartoffel erbringt eine recht große Ernte. Im 18. Jahrhundert wurde sie in verstärktem Maße in Mittel- und Westeuropa eingeführt und verdrängte vor allem Buchweizen, Roggen, Hafer und Gerste, die geringere Erträge hatten. In einigen Ländern wie England, Irland und Norddeutschland, die den Feuchtigkeitsbedarf der Kartoffel gut decken konnten, setzte sie sich vollständig durch und ernährte die Bevölkerung durch ihre höheren Erträge in besserem Maße als die früher üblichen Getreide. Trockenere und wärmere Länder, wie beispielsweise Italien, nutzten die Kartoffel dagegen mehr als Beilage. Die Getreide blieben als Grundnahrungsmittel erhalten.Paprika

Einen Einbruch erlebte die Landwirtschaft, als durch massives Auftreten der Krautfäule (Phytophtora) große Missernten auftraten, wodurch in Irland 1845 bis 1847 zwei Millionen Menschen verhungerten und ein Exodus nach Amerika einsetzte. Diese Krankheit zerstörte die Pflanze innerhalb von Stunden und ließ die Farmer befürchten, nie wieder Kartoffeln anbauen zu können. In dieser Zeit experimentierte man mit anderen Pflanzen wie der chinesischen Yamswurzel (D. batatas) oder der Süßkartoffel. Nachdem man jedoch Kartoffelsorten fand, die einigermaßen resistent gegenüber der Krautfäule waren, stieg der Kartoffelverbrauch wieder stark an. Später richteten Kartoffelkäfer und verschiedene Viruskrankheiten Schäden an. Seitdem findet ein langsamer Rückgang beim Kartoffelverzehr in Europa statt. Dafür steigt ihr Verbrauch in asiatischen Ländern weiterhin an.

Durch die moderne Treibhaus- und Folienkultur bauen auch die biologischen Gärtner immer mehr die vom Verbraucher verlangten Nachtschattengemüse an. Paprika und Auberginen sind die neuen Favoriten. Dass dieses Wachstum außerhalb der geeigneten Jahreszeit vermehrt Probleme mit Schädlingen und Lagerfähigkeit der Gemüse bringt, ist deutlich. Hier wären die Verbraucher gefordert, nicht Tomaten und Paprika jederzeit zu kaufen, sondern mehr saisonal reifes Gemüse zu verwenden. Aber offenbar erfüllen die knackigen, vitalen Gemüsefrüchte ein spezielles Bedürfnis in unserem stressreichen Alltag.

Botanische Grundlagen

Die Familie der Nachtschattengewächse weist Besonderheiten auf: 1. Die Alkaloidbildung, 2. eine große Vitalität und 3. eine Licht- und Wärmebeziehung bei einigen essbaren Nachtschattenfrüchten (Tomate, Paprika, Peperoni)

1. Die Alkaloidbildung

Die aus Europa stammenden Nachtschattengewächse sind nicht essbar und teilweise sehr giftig durch ihren Gehalt an Alkaloiden (Tollkirsche, schwarzer Nachtschatten). Dies führte bei unseren Vorfahren zu einer großen Vorsicht gegenüber dieser Pflanzenfamilie. Alkaloide sind Salze, ihre Aufgabe für die Lebensprozesse der Pflanzen sind wenig geklärt. So schützt das Solanin durch seine Giftigkeit die Pflanze teilweise vor Pilzbefall. Den Kartoffelkäfer hält das Alkaloid jedoch nicht ab, er vertilgt die Blätter der Kartoffel ohne Schaden. Bei den essbaren Nachtschattengemüsen sind die Alkaloide wie Solanin oder a-Tomatin (Tomate) zugunsten des vegetativen Wachstums zurückgedrängt. Der Solaningehalt ist gering. Lediglich unreife grüne Tomaten oder der grüne Stielansatz der Tomate enthalten mehr Alkaloide. Daher sollte man ihn entfernen und nur reife Tomaten verzehren. In der Kartoffelknolle findet sich in den Augen, Keimen und grünen Stellen Solanin. Auberginen verzehrt man wegen des höheren Solaningehalts nicht roh. Die Nachtschattengewürze enthalten offenbar wenig Alkaloide.

Dr. Petra Kühne

weiter im Ernährungsrundbrief 2-07


Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: