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Getreide und Kulturgeschichte

Getreide und Mensch - eine Lebensgemeinschaft lautet der Buchtitel von Werner Kollath[1], der damit treffend formulierte, dass das Getreide und die menschliche Kulturentwicklung eng miteinander verknüpft sind. Würde der Mensch heute keinen Weizen, Hafer oder Gerste anbauen, so könnten diese Getreidearten sich nicht so vermehren und entwickeln. Möglicherweise wären sie bereits ausgestorben. Wie der Mensch durch sein Interesse und seine Tatkraft Getreidearten wieder beleben kann, zeigt sich beispielsweise am Emmer oder Einkorn, alten Weizenpflanzen, die fast vergessen waren und nun wieder angebaut werden.

Ursprung des Getreides

Archäologisch lässt sich eine Nutzung von Gräsern bereits 10.000 v. Chr. nachweisen. Dies sieht man als früheste Formen einer Ackerbaukultur an. Von Getreide spricht man ab der Zeit von 6.000 - 8.000 v. Chr. Dies war die Zeit der persischen Kulturepoche, in der der Eingeweihte Zarathustra lebte. Die Mythologie erzählt, wie er aus göttlicher Eingebung die Kräfte empfing, um aus Wildgräsern nahrhafte Getreidepflanzen zur züchten und damit die Ackerbaukultur zu begründen. Der griechische Mythos der Göttin Demeter beschreibt, wie der Königssohn Triptolemas die ersten Ähren erhält aus den Händen von Demeter und ihrer Tochter Persephone. Er soll die Menschen den Ackerbau lehren und damit das Leben (Säen, Wachsen) und den Tod (Reifen, Ernten, Samenruhe) nicht nur als Mensch, sondern auch bei der Nahrungserzeugung miterleben. Geht man davon aus, dass die Menschen vorher von den bereits vorhandenen Pflanzen in der Natur lebten („Sammler“), so geht mit der Ackerbaukultur eine neue Verantwortung an den Menschen für Pflanzen und Erde über. Die Götter übergeben den Menschen die Aufgabe der Pflanzenentwicklung und -betreuung.

Die Entwicklung der Getreide geschah in einem Zeitraum von ca. 3.000 Jahren in den verschiedenen Kulturräumen - soweit archäologische Funde genaue Datierungen ermöglichen. Im vorderasiatischen (persischen) Raum waren es Gerste, Einkorn und Wildformen des Weizens, die zuerst verwendet wurden. In Nordchina weist man Hirse und Gerste nach sowie in Südchina und Indien Reis, in Mittel- und Südamerika Mais, in Nordostafrika (Äthiopien) Hartweizen, Emmer, Rauweizen und Gerste. Lediglich Australien gilt nicht als Genzentrum eines Getreides.

MaispflanzeHafer und Roggen gelten als sekundäre Kulturpflanzen, die sich als Beikraut im Weizen bzw. der Gerste entwickelten. Diese weite Verbreitung der Getreide in verschiedenste Weltgegenden zu etwa einer Zeitepoche lässt die Getreidekultur tatsächlich als etwas Menschheitliches erscheinen, das sich nicht auf einzelne Kulturen begrenzt.

Wie war es möglich, dass beispielsweise Gerste in China und Nordafrika nachgewiesen wird? Lässt dies darauf schließen, dass es gemeinsame Ursprünge gab, welche in Zeiten zurückweisen, die keine archäologisch auffindbaren Überreste zurückließ? Mit der Ackerbaukultur ging die Sesshaftigkeit einher, d.h. die ehemaligen Nomaden fanden feste Siedlungsplätze. Da diese Phase einen längeren Zeitraum umfasste, darf man annehmen, dass Nomaden mit Kenntnissen des neuen Getreideanbaus und auch mit Samen weiterzogen, so dass es zur weiteren Verbreitung kam. Udo Renzenbrink[2] spricht hier von dem alten Kontinent Atlantis, der im Wasser unterging. Die Überlebenden verbreiteten diese Kultur dann in den verschiedenen Gebieten der Erde. Etwa 1.000 - 1.500 v. Chr. war der Ackerbau dann eine wesentliche Grundlage der Nahrungserzeugung.

Man darf sich aber nicht vorstellen, dass nur eine Getreidepflanze angebaut wurde. Unterlagen weisen noch bis ins Mittelalter nach, dass man Körner von Wildgräsern z.B. Strandhafer in Norddeutschland sammelte, die den Speisezettel bereicherten. Überhaupt wurden in der Nomadenzeit wohl die größte Palette an Pflanzen verzehrt. Die Ackerbaukultur schränkte diese Auswahl ein. In Notzeiten (17./18. Jh. im von Kriegen verwüsteten Europa) war die Ernährung sehr einseitig, wurde aber immer durch gesammelte Wildpflanzen ergänzt. Heute essen viele Menschen bei uns nur ein Getreide, den Weizen. Die Vollwerternährung hat hier in den letzten Jahren zu einer erneuten Verbreitung weiterer Getreidearten geführt, die ziemlich in Vergessenheit geraten waren.

Wildgräser und Getreide - wo liegen die Unterschiede?

Wie unterscheiden sich Wildgräser vom Getreide? Warum muss man die ersten Getreidepflanzen tatsächlich als Kulturtat ansehen, die die Menschheitsentwicklung langfristig bis heute prägte?

Wir kennen heute noch eine Reihe von Wildgräsern wie Flughafer, die den Getreidepflanzen nah verwandt sind. Sie unterscheiden sich zum einen in der Verwurzelung und Ausbreitung. Gräser erobern horizontal die Erde und bedecken sie mit „Rasen“. Getreide wurzeln dagegen vertikal wie die aufrechte Wirbelsäule des Menschen. Andererseits bilden Gräser viele Samen aus, die klein und leicht sind und sich bei der Reife in der Umgebung verteilen. Die Getreide haben weniger, dafür aber dickere Samen. Ihr Gehalt an Nährstoffen ist höher. Durch Züchtung hat man auch erreicht, dass alle Körner in einer Pflanze gleichzeitig reifen, ja sogar das ganze Feld und dass sie nicht von allein herausfallen, sondern herausgedroschen werden können. (3)

Diese Eigenschaften führen dazu, dass die Getreide auch verwendbar wurden und die Mengen an Korn erzeugt werden können, die der Mensch und seine Tiere, wie noch eine Vielzahl von (unerwünschten) Mitessern von Käfern bis zu Mäusen satt werden und auch noch Saatgetreide übrigbleibt.

Verbreitung der Getreide in den Weltgegenden

Oft denkt man, dass es ein Getreide in einem Kulturraum gab wie z.B. Reis in China, der dann über Jahrhunderte, ja Jahrtausende angebaut wurde. Dies ist aber nicht ganz richtig, denn wenn man auf größere Zeiträume schaut, so gab seit Beginn des Getreideanbaus Veränderungen.

Das älteste Getreide ist die Gerste gewesen, die anfangs in Zentralasien, Babylon, Ägypten, Griechenland und später auch dem römischen Reich angebaut wurde. Sie wurde dann aber vom Emmer und Rauweizen, später Weizen in Ägypten, Griechenland und vor allem Rom verdrängt. In Zentral- und Nordasien wurde Gerste durch Hirse, später Weizen und Hafer abgelöst. Die ursprüngliche Gerste verlor somit weltweit an Bedeutung und wurde vom backfähigen Weizen ersetzt - mit Ausnahme der mitteleuropäischen Brauereikultur oder höhergelegenen Gebieten wie in Tibet oder Nepal.

Hirse wurde schon in frühester Zeit in Europa, Indien, Nordostasien, sogar Japan wie auch in Afrika angebaut und viel als Brei verzehrt. Ihr Anbau ist in den meisten Länder ganz in Vergessenheit geraten, in Afrika und Indien ist Hirsebrei noch traditionelle Volksspeise, allerdings rückläufig und wird meist von der ärmeren Bevölkerung gegessen. In Europa kultiviert man Hirse (Sorghumhirse) überwiegend als Tierfutter in Gebieten von Frankreich und Italien, nur kleine Mengen dienen der menschlichen Ernährung. In der Kinderernährung gewinnt sie allerdings an Bedeutung.

In Germanien kannte man eine Vielfalt an Getreide wie Emmer, Einkorn, Gerste, Hirse und später auch Roggen und Hafer. Der Weizen gelangte erst durch die römischen Heere in diese Gegenden.

Reis setzte sich durch seine Vorliebe für Wärme und Feuchtigkeit in Südostasien und Indien durch. Da diese Länder sehr bevölkerungsreich sind, hat Reis in der Anbaumenge an Bedeutung gewonnen. In Afrika wird eine von alters her andere Reisart (Oryza glaberrima) angebaut. Reis gelangte schon 800 v.Chr. ins östliche Mittelmeergebiet und damit nach Europa. Nach Amerika kam er erst im 17. Jh., heute wird er vor allem in Südamerika (Brasilien) viel kultiviert.

Zwei „Neueinfuhren“ gab es seit der Zeitenwende in Europa. Die eine war das Knöterichgewächs Buchweizen, das infolge der Mongolenkriege durch Dschingis Khan (13. Jh.) über Russland, Polen und Ungarn nach West- und Nordeuropa vordrang. Lange nannte man den Buchweizen auch Tataren- oder Mongolenkorn wie auch Heidensterz. Aufgrund seiner Anspruchslosigkeit an den Boden und die kurze Vegetationszeit wurde er bis zur Einführung der Kartoffel vor allem in Mittel- und Nordosteuropa im großen Umfang angebaut.

Die zweite Neueinführung war der Mais, der infolge der Entdeckung Amerikas durch die Spanier in der Neuzeit nach Europa gelangte. Er ist das einzigste Getreide aus der Neuen Welt. Er nahm seinen Weg von Spanien über Italien nach Südosteuropa (besonders Rumänien) bis zur Türkei und infolge der Türkenkriege nach Österreich und Ungarn. In Kärnten ist der „Maissterz“ sogar eine Art Nationalgericht, ähnlich wie die Polenta in Italien.

Autorennotiz: Dr. Petra Kühne, Ernährungswissenschaftlerin, Leiterin des Arbeitskreis für Ernährungsforschung e.V.



Anmerkungen

[1] Werner Kollath: Getreide und Mensch, eine Lebensgemeinschaft. 7. Aufl. o.J.

[2] Udo Renzenbrink: Die sieben Getreide. Dornach 2000, S. 18f.

Uwe Mos: Die Wildgrasveredlung - Rudolf Steiners Impuls in der Pflanzenzucht. vgl.

www.saatgut-forschung.de

aus Ernährungsrundbrief 1-02

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